Damals, in der „guten alten Zeit“ Ihrem Onkel Walther von Grünschild wurde in der Silvesternacht 1917/18 seine unglaublich wertvolle Kunstsammlung gestohlen. Da Sie als sein zukünftiger Erbe in Frage kommen, bestellt Sie Walther in seine Residenz und teilt Ihnen bedeutungsvolle Dinge mit. Walther hat sich um seinen Nachfolger Gedanken gemacht. Wer bekommt seinen weltweiten Plantagenbesitz? Wer bringt Ihm seine Kunstsammlung wieder zurück? Nehmen Sie an? Seien Sie kein Feigling, ich war es auch nicht. Auch ich habe mir schon nächtelang Vermeer reingezogen. Alles klar, Sie nehmen an? Dann will ich Ihnen erzählen, wie es mir auf der Jagd nach Geld und Bildern erging: Egoistisch wie ich nun einmal bin, habe ich auf weitere Mitspieler verzichtet. Ich werde im Spiel noch genug Schwierigkeiten haben, da brauche ich nicht auch noch Konkurrenten. Meine ersten drei Versuche verliefen im Sand. Kaum hatte ich mich versehen, war ich auch schon pleite. Davon soll hier aber nicht mehr die Rede sein. Ich habe es inzwischen zu etwas gebracht und will hier beschreiben, wie das möglich war. Mein Onkel Walther von Grünschild ist nicht dumm. Er hat sich schon Gedanken über den Verbleib seiner Sammlung gemacht. Walther hat Vico Vermeer im Verdacht. Vico Vermeer ist einer der gerissensten Kunstfälscher seiner Zeit. Aber niemandem ist es bisher gelungen, Vico aufzuspüren oder ihm gar das Handwerk zu legen. Mehr als ein Tip ist es also nicht. Großzügigerweise hat mir Walther noch 50.000 Mark mit auf den Weg gegeben. Ich muß mit dem Geld sparsam umgehen. Ein bißchen von seinem Wissen über den Handel hat mir mein Onkel auch mitgegeben, ich werde mal versuchen, es in die Tat umzusetzen. Im Moment befinde ich mich gerade in London. Es ist Dienstag, der 1. Januar 1918. Gerade bekomme ich den Aktienkurs vorgelegt. Der Dollar steht bei etwa 4 Mark, alle Aktien etwa um 100 Mark. Die Inflation beträgt zur Zeit 7%. Ist doch gar nicht so schlimm. Ich beschließe zunächst mir 1.000 Dollar zu kaufen. Da ich in Ankara meine erste Plantage anlegen will und die Lloyd-Linie dort hinfährt, kaufe ich gleich 100 Lloyd-Aktien. Die werden sicher noch steigen. Ich setze mich in den Zug und fahre nun Richtung Ankara. Die Fahrt dauert ganze acht Tage! In Ankara angekommen beschließe ich, hier im trockenen Süden Tabak anzubauen. Also gehe ich zum Saatgutmarkt und kaufe dort die teure Tabaksaat. Erst dann gehe ich auf Landsuche. Wenn ich am Fluß baue, wird die Ernte doppelt so groß. Und Arbeiter muß ich auch noch einstellen. Ach, das geht ins Geld. Hoffentlich gibt es bald die erste Ernte! Ich habe beschlossen, äußerst strategisch vorzugehen. Zunächst lege ich eine Plantage an, verkaufe die Erträge und lege dann noch eine Plantage an. Dann sind die Erträge doppelt so hoch, und ich kann mit den erwirtschafteten Geldern auf Bildersuche gehen. Einen anderen Weg als diesen gibt es wohl nicht. Aber ich lasse mich nicht entmutigen. Aller Anfang ist schwer und teuer. Meine Plantage braucht einige Zeit, bis die erste Ernte eingeholt werden kann. Doch bevor ich in einem anderen Land eine neue Plantage anlege, vergrößere ich die alte. Sichtlich erfreut bin ich, als meine Plantage nach 90 Tagen mehr als 100 cwt Tabak abwirft. Da ich den Tabak in Ankara nicht verkaufen kann, transportiere ich ihn nach London und reise praktischerweise gleich hinterher. Während der Reise höre ich von Unruhen in Mombasa. Pech für die Jungs dort unten – da habe ich, Gott sei Dank, keine Plantage. In London angekommen besteht für mich endlich die Möglichkeit, an mein langersehntes Geld zu kommen. Die Ausbeute ist bescheiden, es reicht noch nicht ganz für die Teilnahme an einer Auktion. Aber Aktien kann ich mir kaufen! Eine sichere Geldanlage, wie sich später herausstellen wird. Nun bin ich wieder pleite und muß warten, bis die neue Ernte wieder eingeholt werden kann. Mit dem kleinen Überschuß, den ich erwirtschaftet habe, fahre ich noch einmal in die Türkei, vergrößere meine Plantage... und bin wieder pleite. Nach vierzehn Tagen schickt mir ein Freund das benötigte Reisegeld. Und das Spiel wiederholt sich: Ware nach London, verkaufen, neue Ware aus Ankara holen. Erstmals wird mir jetzt ein Warentermingeschäft angeboten. Ich soll bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Ware nach London oder New York liefern. Wenn's gelingt, ist der Gewinn groß. Geht's aber schief, wird eine empfindliche Konventionalstrafe verhängt. Also lehne ich vorerst ab! Weil mein Kontostand es jetzt zuläßt, werde ich mir eine zweite Plantage anlegen. Mein Ziel soll Rio sein. In Rio kann ich zwar Tabak, Kaffee oder Kakao anbauen, ich begnüge mich aber mit dem Kaffee. Die Durststrecke ist auch hier lang, denn vor dem Ertrag kommt das lange Warten. Ich verkürze mir die Wartezeit mit den aktuellen Börsenberichten. Die Inflation beträgt satte 20%, und mein heißgeliebter Dollar steht schon auf 9,50 Mark. Die Aktien ziehen auch gut an, mittlerweile pendeln sie um die 400 Mark. Der Gedanke liegt nahe, hier gute Gewinne erzielen zu können. Aber wenn ich mein ganzes Geld in Aktien und Dollars gesteckt hätte, wäre ich ebenso pleite. Es kommt noch besser. Fortuna beglückt mich, und so gewinne ich bei einer Wette 16.000 Mark. Knapp zwei Wochen später erhalte ich eine Steuerrückzahlung in Höhe von 12.000 Mark. Meine Geschäfte lassen es nicht zu, daß ich mich zur Ruhe setze. Die Arbeit ruft, und ich komme. Wieder reise ich zwischen Ankara, Rio und London hin und her. Nicht ohne Erfolg, denn mein Kontostand wächst beachtIich. Alles ist in bester Ordnung, ich könnte so langsam ans Geldausgeben denken. Von den 40 Bildern, die meinem Onkel gestohlen wurden, habe ich nämlich noch kein einziges! Das ändert sich schnell, als ich auf der Neujahrstombola 1919 einen Macke gewinne. Sogar einen echten, wie die Expertise es bestätigt! Tja, ein ganzes Jahr ist schon vergangen, die erste Durstrecke habe ich hinter mir. Jetzt geht das Spiel erst richtig los. In zwei Wochen werde ich an meiner ersten Auktion teilnehmen und dort die Bilder meines Onkels zurückkaufen... Ich wurde eines Besseren belehrt. Zur Auktion stand ein original Vermeer, unglaublich wertvoll, ca. 15.000 Mark. Mein einziger Konkurrent, der mitbieten konnte, war der Halunke Vico Vermeer, der mit dem echten Maler Vermeer nichts zu tun hat, als seine Bilder zu fälschen. Zu einem stolzen Preis von 164.000 Mark ging dann das Bild in meinen Besitz über. Mich trifft der Schlag, als ich durch Gutachten feststelle, daß ich eine Fälschung gekauft habe. Vico war nur bei der Auktion, um den Preis hochzutreiben. Oh je, und das Geld ist futsch. Es hindert mich jedoch niemand daran, diese Fälschung selbst wieder unter die Leute zu bringen. Doch vorerst werde ich das Bild behalten. Im Gegenteil, ich kaufe gleich noch ein paar Fälschungen! Vico Vermeer wird noch sein Wunder erleben. Am 13. April 1920 kommt es ganz dick! Lädt mich doch dieser Halunke zu einer Spazierfahrt ein. Na ja, mir soll's recht sein, ich mache gute Miene zu bösem Spiel. Mittlerweile muß ich auch mal wieder einen Blick auf die Börse werfen. Die Inflation ist immer noch bei 25%, aber der Dollar steht bei vielversprechenden 13 Mark. Auch die Aktien haben sich vielversprechend entwickelt: Die Lloyds- und die Starlinie, die ich häufig benutze, haben Aktien im Wert von etwa 1.400 Mark. Es wird Zeit zum Abstoßen. Die Dollars bringen 13.000, die Aktien dagegen 140.000 Mark. Das hebt die Stimmung. Die Beträge werden gleich wieder in Bildern angelegt. Dann fahre ich wieder zu den Plantagen und hole die Ernten ab. Aber daraus wird nichts. Die Arbeiter haben gestreikt. Ich stelle am besten gleich neue ein. In Rio geht's noch gemächlich zu. Die Arbeiter sind fleißig, und mit neuen Arbeitern kann die Plantage noch vergrößert werden. Meine Kapitalkraft läßt inzwischen sogar eine dritte Plantage zu. Wie sich später herausstellt, ist das sehr sinnvoll, denn hin und wieder wird die eine Plantage von Schädlingsplagen heimgesucht oder gerade bestreikt. Wird die eine Plantage gar enteignet, bleiben so immer noch zwei übrig. Die dritte Plantage lege ich günstigerweise in Duala an, dann kann ich immer eine Rundreise (London-Ankara-Duala-Rio-London) machen. Wenn die Plantagen erst einmal auf 100 ha Land aufgemotzt sind, fallen auch dementsprechend hohe Erträge ab, und man kann immer wieder genug Bilder kaufen. Nach einer solchen Rundreise bleibt meistens genug Geld für zwei Auktionen. Dann kommt natürlich wieder eine Durststrecke: Man fährt zu den Plantagen, holt die Ernten, verkauft sie, kauft vom Erlös Bilder und fährt dann wieder zu den Plantagen. Sicher, das ist nicht sehr interessant, aber gut Ding braucht Weile! Nach drei Jahren des Wirtschaftens, ebenso vielen Neujahrstombolas und zahlreichen Auktionen, habe ich dann 16 Bilder beisammen. Dazu noch vier Fälschungen. Ich stehe kurz vor dem Herzinfarkt, als ich die Meldung von einer Geldentwertung im Verhältnis 5:1 vernehme. Mein ganzes Geld ist nur noch ein Fünftel wert! Statt 300.000 nur noch 60.000 Mark! Der Freudensprung läßt nicht lange auf sich warten, als mir wieder einfällt, daß ich ja noch die vier Fälschungen besitze. Haha, die werde ich jetzt unter die Leute bringen! Und so bin ich dem großen Unheil noch einmal glimpflich entkommen. Ich kann gleich vorwegnehmen, daß die Währungsreform sich etwa alle drei Jahre wiederholt. Wer sich gut mit gefälschten Bildern eingedeckt hat, ist in dem Falle aus dem Schneider. Eine Währungsreform steht immer dann bevor, wenn die Inflation rasant steigt und der Dollar sich bei etwa 14 Mark befindet. Dann sollte man schnellstens alle Dollars und Aktien abstoßen und sich Bilder in großer Zahl kaufen – egal, ob Fälschung oder nicht. Die Fälschungen sollte man dann gleich nach der Währungsreform wieder verkaufen. Wenn man nicht vorbeugt, ist meistens das ganze Geld futsch. Und umgekehrt macht man's genauso. Gleich nach der Währungsreform kauft man sich wieder Dollars und Aktien (da der Kurs sehr niedrig ist), um sie kurz vor der nächsten Reform wieder zu verkaufen und sich Bilder zuzulegen. Eine Möglichkeit, wieder schnell an Geld zu kommen, ist, Warentermingeschäfte anzunehmen. Wenn die Plantagen beständig ihre Ernte liefern, kann man sich schnell eine goldene Nase verdienen – in guten wie in schlechten Zeiten. Inzwischen ist Endspurt! Man schreibt das Jahr 1927, ich bin satte neun Jahre auf der Jagd nach den Bildern! Ich habe mir ein Vermögen erwirtschaftet und auf zahlreichen Auktionen mein Geld gegen Bilder eingetauscht. Es sind bereits 36 Stück. Die Grünschild-Sammlung wird langsam komplett. Die acht Neujahrstombolas haben ihren Teil dazu beigetragen. Auch meine Plantagen können sich sehen lassen. Jede ist ca. 100 ha groß und wirft so ständig einen großen Gewinn ab. Der Gewinn wird selbstverständlich sofort wieder in Bilder investiert! Kritisch wird es erst, als meine Tabakplantage in Ankara enteignet wird. Jetzt muß ich mit zwei Plantagen weitermachen. Ich hoffe, das reicht aus. Die Auktionen werden auch immer interessanter. Meistens werden Bilder angeboten, die ich schon als Fälschung besitze. Dann weiß ich sofort, daß ich jetzt das Original kaufe. Die Leute von der Auktion teilen mir freundlicherweise auch gleich mit, daß mein Bild die Fälschung ist und daß ich jetzt das Original besitze. Vico Vermeer ist kein ernstzunehmender Konkurrent mehr für mich. Ich kaufe ihm fast alle Bilder vor der Nase weg! Es zeigt sich, daß ich doch einiges von Wirtschaft und Kunst verstehe! Nun ist es soweit. Man schreibt den 28. Februar 1928. Ich stehe kurz vor dem Ziel. 39 Bilder darf ich mein Eigen nennen. Ich warte auf meine letzte Auktion. Dann ist es soweit. Ich kann meinem Onkel seine wertvolle Sammlung zurückgeben. 10 Jahre hat mich die Suche gekostet. 10 Jahre meinen schärfsten Konkurrenten Vico Vermeer im Nacken. 10 Jahre Wirtschaftsboom und -krise, Inflation und Währungsreform, Enteignung und Streik, Streß und Schweiß. Und jetzt die letzte Auktion. Vico bietet noch gut mit, aber der Rembrandt geht doch an mich! Zwar für eine Unmenge an Geld, aber hier geht’s ums Prinzip. Was folgt nun, da die Sammlung komplett ist? Spannung … Das Testament meines Onkels Walther von Grünschild wird verlesen. Walther erklärt mich zu seinem alleinigen Erben. Er teilt mir gleichzeitig mit, ich solle die Kunstwerke seiner Sammlung doch der Nachwelt erhalten. Den übrigen Erben ist nur der Pflichtteil auszuzahlen. Gezeichnet: Walther von Grünschild alias Vico Vermeer! Entspannt sinke ich in den
Sessel zurück und denke wieder einmal über den Sinn des Lebens nach …
(Kopfnuss aus dem ASM-Special 1; Autor: Peter Braun) |