Es waren noch vier Monate bis zur WM, also nicht unbedingt viel Zeit, zumal ich die Mannschaft erst noch kennen lernen musste. Zum Glück waren das alles sehr nette Kerle, die richtig froh waren, dass wenigstens irgend jemand bereit war, sie zu trainieren. Sie alle waren Halbprofis, die im richtigen Leben noch einem anderen Beruf nachgingen. Ich saß also vor einer Mannschaft, bestehend aus Farmern, Schreinern, Metzgern und Versicherungsvertretern. Der Torwart arbeitete am Bau, der Kapitän war Lehrer. Na toll, das konnte ja heiter werden … Wir begannen also mit leichten Trainingseinheiten, damit ich die Stärken und Schwächen der Mannschaft sehen konnte. Leider konnte ich bei Ersteren außer einem eisernen Willen bei meinen Spielern nicht viel notieren, während die Liste bei den Verbesserungsmöglichkeiten immer länger wurde. Aber noch hatten wir Zeit. Zwischen den Trainingseinheiten flog ich immer wieder zu Testspielen (Demo Game) anderer Teams, um mir deren Niveau anzuschauen und mir so ein Bild von unseren möglichen Gegnern machen zu können. So konnte ich mir die Partien Holland gegen Mexiko und Dänemark gegen Uruguay bei einem Freundschaftsturnier in Tokio anschauen. Was ich dort sah, beruhigte mich allerdings, was unsere eigene Form anging: Statt eleganten Fußballs boten alle beteiligten Mannschaften einen bösen Kick. Falls mal ein Tor fiel, war meist Kollege Zufall beteiligt. Insgesamt waren die Spiele sehr ruppig und ein Gekrampfe im Mittelfeld. Trotzdem konnte ich schon einige wichtige Schlüsse für unsere eigene Taktik ziehen: So bemerkte ich, dass die Torhüter niemals aus ihrem 16-Meter-Raum kamen, was es auszunutzen galt. Von höchster Wichtigkeit schienen Standardsituationen wie Eckbälle zu sein, bei denen die gegnerische Abwehr, gleich welchen Teams, immer sehr in Bedrängnis geriet. Freistöße gab es keine, da die Schiedsrichter praktisch alles durchgehen ließen. Selbst die übelsten Blutgrätschen von hinten in die Beine wurden nicht geahndet, was mich bei der „Fair Play“-Kampagne der FIFA doch sehr wunderte. Ebenfalls sehr wichtig schienen angedrehte Schüsse zu sein, die aus jedem Schuss, egal aus welcher Position, eine gefährliche Waffe machten. Das gefiel mir als Spezialist auf diesem Gebiet natürlich sehr. Es wurde Zeit, dass meine Jungs im Training ihre „Banana Power“ trainierten … Wenige Wochen später waren schon die ersten Testspiele angesetzt (Microprose International Soccer Challenge). Insgesamt stand uns bis zur WM ein enormes Programm bevor. Mehrere Spiele waren angesetzt, wobei geplant war, das Niveau unserer Gegner bis zur WM beständig zu steigern. Diese Testspiele halfen mir enorm bei der Entwicklung einer Strategie für die WM. Einzelne Spiele oder Gegner herauszupicken macht hier keinen Sinn, da die Stärken der einzelnen Teams sehr von der Tagesform abhängig sind. Insgesamt stieg das Niveau der Teams beständig, doch waren die sehr zweikampfstarken Teams aus Schweden und Dänemark ein wesentlich schwierigerer Gegner als die stärker eingeschätzten Engländer. Rudis Truppe, die ich natürlich sehr gut kannte, spielte mit vollem Körpereinsatz, während die Brasilianer uns im Vergleich zu den anderen Top-Teams überraschend viel Raum ließen. Folgende Punkte gelten allerdings für alle Teams, weshalb ich in den darauf folgenden Trainingseinheiten besonderen Wert darauf legte: Flügelspiel Je stärker die gegnerische Mannschaft ist, desto wichtiger ist ein Ausweichen auf die Flügel. Während man bei Teams wie Oman oder Kamerun noch relativ problemlos durch die Mitte dribbeln kann, machen schwerere Gegner die Räume in der Mitte sehr eng. Häufige und unnötige Ballverluste sind die Folge, die sich durch ein Ausweichen auf die Flügel zumindest teilweise vermeiden lassen.
Weite Pässe Eine alte Fußballerweisheit besagt, dass Spieler ohne Ball schneller als Spieler mit Ball sind. Gegen die besseren Teams sind weite Pässe daher von entscheidender Bedeutung, da während der Dauer des Passes meine Spieler gleich schnell wie die des Gegners sind. Ich ließ meine Spieler im Training auch viele Direktkombinationen üben, das heißt sie mussten schussbereit (gedrückter Feuerknopf) den Pässen entgegenlaufen und in die richtige Richtung lenken. Das ist natürlich die eleganteste Methode, das Mittelfeld schnell zu überbrücken. Es empfiehlt sich, weite Pässe im Mittelfeld diagonal über das Spielfeld zu schlagen, um den Gegner zusätzlich zu verwirren. Dribblings In den Testspielen konnten meine technisch versierteren Mittelfeldspieler ihre technischen Raffinessen voll ausspielen. Leider stellte sich schnell heraus, dass „Haken links – Haken rechts“-Kombinationen bei besseren Mannschaften nicht mehr ziehen, da die Gegner nicht gerade zimperlich zur Sache gehen. Ein besseres Mittel sind da kurze und weite Pässe, da man sonst garantiert immer von einem grätschenden Gegenspieler gebremst wird. Torschüsse Es gibt viele Möglichkeiten, auf das gegnerische Tor zu schießen, aber die wenigsten davon sind Erfolg versprechend. Gerade Schüsse aufs gegnerische Tor bringen gar nichts, da sie leichte Beute für den Torwart sind. Es gibt acht verschiedene Möglichkeiten, die mehr oder weniger gute Chancen bieten, ein Tor zu erzielen. Diese werden im Folgenden und später näher erläutert.
Anspiel Beim gegnerischen Anspiel heißt es hart zur Sache gehen, da die meisten Mannschaften nur eine einzige Anspielvariante pro Seite kennen. Und selbst die Top-Teams begingen immer wieder denselben Fehler und rannten meinen Stürmern in die Falle. Beim gegnerischen Anspiel nach oben empfiehlt es sich, sofort nach links unten zu stürmen (Joystick nach links unten drücken, dann Feuerknopf), beim Anspiel nach unten attackiert man am besten nach links (Joystick nach links drücken, dann Feuerknopf). Mit dieser Taktik eroberten meine Spieler in 80 Prozent der Fälle sehr schnell den Ball vom Gegner. Spielt man nach unten, ist es gegen schwächere Teams mit dieser Taktik möglich, ein Tor bereits nach fünf Sekunden zu erzielen, was meinen Spielern mehrmals gelang. Fouls Selten habe ich so lasche Schiedsrichter erlebt wie bei diesen Testspielen. Es war praktisch alles erlaubt, was den Gegner nicht sofort umbrachte. Die einzigen Spieler, die geschützt waren, waren die beiden Torhüter. Besaßen diese einmal den Ball, durften sie nicht mehr attackiert werden. Doch wehe, die Torhüter machten danach noch einen Mucks (Feuerknopf drücken): Dann war der Ball sofort wieder freigegeben. Dies nutzten die gegnerischen Stürmer gnadenlos aus, was uns ein Gegentor im Spiel gegen die Russen bescherte. Ich trainierte mit meinen Torhütern also, dass sie energisch den Ball erobern mussten, danach aber absolute Ruhe bewahrten, bis die Situation vor dem Tor bereinigt war. Rückpässe Nachdem die FIFA beschlossen hatte, die Rückpassregel wieder aufzuheben, trainierte ich natürlich meine Verteidiger darauf, dies gnadenlos auszunutzen, um Zeit zu schinden. Nicht besonders fair, aber effektiv, um zum Beispiel einen Vorsprung über die Zeit zu retten. Strafraum Wie bereits weiter oben erwähnt, kommen die gegnerischen Torhüter niemals aus dem 16-Meter-Raum heraus. Dies eröffnet eine Reihe von Möglichkeiten für die eigenen Stürmer. Zuerst einmal ist dies eine hervorragende Möglichkeit, um Zeit zu schinden. Da dies aber nur bei einer eigenen Führung Sinn macht, werden im Folgenden die verschiedenen Möglichkeiten für Torschüsse erläutert, sobald sich der gegnerische Torwart an der Strafraumgrenze befindet.
Wetter Während unserer Testspiele in Asien kam es immer wieder zu verheerenden Wolkenbrüchen und teilweise auch zu Gewittern während des Spiels. Der Rasen verwandelte sich in eine riesige Rutschfläche, so dass man nicht mehr von einem geregelten Spielablauf reden konnte. Bei solchen Witterungsverhältnissen sollte man auf Dribblings und Rückpässe weitestgehend verzichten, da diese nicht mehr zu kontrollieren sind. Andererseits lohnt es sich bei Regen, seinen Gegner oft zu attackieren und in die Beine zu grätschen, da dies den Spielaufbau der gegnerischen Mannschaft entscheidend stört. Standardsituationen Torabschläge sollten immer so weit wie möglich erfolgen, da ein zu kurzer Abschlag meist direkt vor gegnerischen Füßen landet. Gerade gegen die Top-Teams erwies sich dies als beinahe tödlicher Fehler, da es nach einem zu kurzen Abschlag sofort lichterloh vor unserem eigenen Kasten brannte. Einwürfe sollten immer nach vorne geworfen werden. Die einzige Ausnahme sind Einwürfe am gegnerischen 16-Meter-Raum, bei denen abzusehen ist, dass der gegnerische Torwart schneller am Ball sein wird als der eigene Feldspieler. Bei gegnerischen Eckbällen muss immer der eigene Torwart direkt zum Ball gehen und energisch den Ball erobern. Dabei darf man sich auf keinen Fall beirren lassen, egal wie aggressiv die gegnerischen Stürmer attackieren. Bei eigenen Eckbällen kann man sehr leicht zum Torerfolg kommen, wenn man die richtige Taktik beherrscht. Dies funktioniert an allen vier Ecken. Letztendlich sind die eigenen Eckbälle Spiel entscheidend, da sie die beste Möglichkeit für Tore auch gegen die besten Teams bieten. Deshalb ist es eine gute Taktik, Eckbälle zu „schinden“, also so weit wie möglich zur gegnerischen Torauslinie zu laufen und den Gegner dann den Ball ins Aus grätschen zu lassen.
Wir übten die Standardsituationen regelmäßig im Training (2-Player Friendly – allein!), um ein Gefühl für das Verhalten insbesondere bei Eckbällen zu bekommen. Es ist nämlich sehr wichtig, den Ball möglichst nur einmal und natürlich in die richtige Richtung zu schlagen und ihm dann aus dem Weg zu gehen. Wie oft kam es zu Beginn vor, dass meine Jungs den Ball entweder in die falsche Richtung schlugen oder durch eine Behinderung eines eigenen oder gegnerischen Spielers der Torwart doch noch im letzten Moment klären konnte. Üben, üben, üben!
Nach diesen umfangreichen und Schweiß treibenden Vorbereitungen ging es ab zur WM … Vorrunde Die Gruppenauslosung bescherte uns zu Beginn gleich einen ganz dicken Brocken: Argentinien war unser erster Gegner bei dieser WM. Danach warteten noch England und Wales auf uns. Garantiert keine leichte Gruppe, andererseits hatten wir nichts zu verlieren. Warum sollten wir als „Underdogs“ nicht für die eine oder andere Überraschung sorgen können?
Argentinien Gegen Argentinien begann mein Team genau so, wie es nicht beginnen sollte: nervös und unsicher. Die Argentinier waren von Beginn an mit vollem Einsatz und Tempo bei der Sache und kamen zu einigen guten Einschussmöglichkeiten. Unser Torhüter musste einige Male sein ganzes Können aufbieten, um einen frühen Rückstand zu verhindern. Mitte der ersten Halbzeit war es dann aber doch soweit: Die Argentinier kamen über den Flügel zum Schuss, den unser Torhüter noch parieren konnte. Die Verteidiger brachten den Ball nicht richtig unter Kontrolle, der argentinische Stürmer zögerte nicht lange, und es stand 0:1. Zum Glück ließ sich meine Mannschaft nicht von diesem Rückstand beirren und schaffte es gegen Ende der ersten Halbzeit, zum ersten Mal bis vor das argentinische Tor zu kommen. Das Schüsschen, das der Stürmer abgab, war allerdings absolut harmlos. Halbzeit. Ich musste meinen Jungs erst einmal ins Gewissen reden. Sie sollten mehr über die Flügel spielen und das im Training Gelernte anwenden, das heißt insbesondere weite Pässe schlagen. In der Tat begann mein Team die zweite Hälfte etwas druckvoller und kam schließlich zu einem Eckball von der rechten Seite. Da wir Standardsituationen mehr als ausgiebig trainiert hatten, kamen wir zu unserem ersten Tor bei dieser WM, was meine Spieler ausgiebig feierten. Das Spiel entwickelte sich zu einem offenen Schlagabtausch. Die Argentinier warfen alles nach vorne, so dass unser Torhüter mehr und mehr im Mittelpunkt stand. Dazwischen hatten wir immer wieder gute Kontermöglichkeiten. Es wollte in diesem Spiel aber kein weiteres Tor mehr fallen, und letztendlich waren wir mit diesem 1:1 zum Auftakt mehr als zufrieden. Die Presse lobte unsere unbekümmerte Spielweise, was meinen Spielern natürlich sehr gut tat. Entsprechend motiviert ging mein Team in das zweite Spiel gegen England, die in ihrem ersten Spiel gegen Wales nicht über ein 0:0 hinausgekommen waren und nun mächtig unter Druck standen.
England Die Engländer begannen sehr nervös und wollten viel über Einzelaktionen machen, was meine Spieler durch ein aggressives Zweikampfverhalten zu unterbinden wussten. Folgerichtig fiel das 1:0 durch einen trockenen Schrägschuss ins lange Eck. Anschließend spielten sich meine Jungs in einen richtigen Rausch. Ein Stürmer lockte den englischen Torhüter an die Strafraumgrenze. Durch einen angedrehten Schuss kam mein Team zum 2:0. Das dritte Tor fiel wieder nach einem Eckball. Das viele Training von Standardsituationen hatte sich schon ausgezahlt. Die Engländer spielten erschreckend schwach, so dass als Folge das vierte Tor kurz vor Schluss fiel. 4:0! Die Presse überschlug sich vor Begeisterung. Der englische Coach wurde sofort nach Spielende gefeuert. Der „Underdog“ war plötzlich jemand. Neuseeland war bereit für mehr … Wales Leider stieg der Sieg einigen meiner Spieler zu Kopf, und so wollten sie im dritten Spiel gegen Wales nicht so recht in Schwung kommen, zumal die Waliser stärker als erwartet spielten. Trotzdem überbrückten meine Spieler das Mittelfeld immer wieder mit weiten Pässen und kamen zu einigen gefährlichen Torschüssen. Da der walisische Torhüter nicht sehr sicher wirkte, probierten es meine Stürmer immer wieder mit Schüssen aus der zweiten Reihe. Kurz vor der Pause war mein Team mit einem Doppelschlag erfolgreich. Zwei trockene Schrägschüsse von der Strafraumgrenze sorgten dafür, dass wir mit einer beruhigenden 2:0-Führung im Rücken in die Pause gingen. Nach der Pause schlug Wales zurück. In einem unübersichtlichen Getümmel vor unserem Tor bekam unser Torhüter den Ball nicht richtig unter Kontrolle und ein walisischer Stürmer staubte ab. Es wurde eng, und das Erreichen des Achtelfinales war plötzlich wieder in Gefahr. Zum Glück zeigte sich jetzt die wahre Stärke meines Teams. Der Lohn für unsere offensive Spielweise kam kurz vor Schluss in Form eines Eckballs. Leider zeigten meine Stürmer Nerven und konnten den Eckball nicht direkt verwandeln. Es gelang ihnen aber, in Ballbesitz zu bleiben, wobei der gegnerische Torhüter an der Strafraumgrenze lauerte. Mein Kapitän schnappt sich also den Ball, läuft vom Torhüter weg und legt einen astreinen Fallrückzieher über den verdutzten walisischen Torhüter hinweg hin. Der Ball kullert langsam zum 3:1 ins lange Eck. Die Uhr zeigt nur noch wenige Sekunden an, das Spiel ist zu unseren Gunsten entschieden. Ein unwahrscheinlicher Jubel bricht aus: Das Achtelfinale ist erreicht! Nach uns spielten noch die Argentinier gegen die Engländer. Argentinien quälte sich zu einem mühevollen 1:0, womit wir auf Grund der besseren Tordifferenz sogar Gruppensieger wurden. Doch leider wartete statt eines vermeintlich leichten Gegners ein absoluter Hammer auf uns: Rudis Truppe hatte in der Vorrunde viel Mühe gehabt und landete nur auf Platz 3 in ihrer Gruppe. Warum ausgerechnet Deutschland? Das Achtelfinale: Deutschland – Neuseeland Die Deutschen begannen furios und genauso zweikampfstark wie im Testspiel gegen uns vor ein paar Wochen. Meine Spieler kamen kaum aus der eigenen Hälfte und es brannte immer wieder lichterloh vor unserem Tor. Mit viel Glück retteten wir das 0:0 in die Pause. Leider ging es nach der Pause genauso weiter, wie die erste Hälfte begonnen hatte: Die Deutschen stürmten, und wir verteidigten mit Mann und Maus das Tor. Immer wieder wussten sich meine Verteidiger nur mit Rückpässen zu helfen, was die Zuschauer mit einem gellenden Pfeifkonzert quittierten. Wir retteten das 0:0 über die 90 Minuten. Verlängerung bis zum „Golden Goal“. Irgendwie schaffte es unsere Kapitän, sich trotz heftiger Attacken der deutschen Spieler bis zur Torauslinie durchzutanken, wo er unsanft von den Beinen geholt wird. Immerhin gab es einen Eckball für uns. Tatsächlich klappte unsere eingeübte Variante, und wir kamen zum „Golden Goal“. Wir haben Deutschland tatsächlich mit 1:0 n. V. niedergerungen! Schöne Spiele sehen anders aus, aber wenigstens stimmt das Ergebnis. Fußball-Deutschland ist enttäuscht darüber, dass ausgerechnet ein deutscher Trainer für das frühe Ausscheiden der deutschen Elf sorgt. Meine Familie bekommt Drohbriefe. Trotzdem lasse ich mich mit meinem Team nicht vom Weg abbringen. Wir sind auf einer Mission, und nach diesem Sieg ist alles möglich! Das Viertelfinale: Neuseeland – Spanien Spaniens Nationalmannschaft hängt der Ruf an, bei großen Turnieren nie so recht erfolgreich zu sein, und so wurde das Erreichen des Viertelfinales bereits als Überraschung gewertet. Spanien erwies sich als dankbarer Gegner. Im Gegensatz zu den sehr aggressiven und zweikampfstarken Deutschen ließen uns die Spanier relativ viel Platz im Mittelfeld. So konnten meine Spieler mit Direktkombinationen und weiten Pässen immer wieder gefährlich vor das spanische Tor kommen. Als ein Stürmer sich fast bis zur Eckfahne durchschlug und dann an der Außenlinie entlang in Richtung Tor läuft und zur Mitte passte, war der spanische Torhüter so irritiert, dass er den eigentlich harmlosen Schuss passieren ließ und unser Mittelstürmer nur noch abzustauben brauchte. Mitte der zweiten Halbzeit fiel das 2:0 durch, wie könnte es anders sein, einen Eckball. Meine Mannschaft schaukelte dieses 2:0 souverän und sicher nach Hause. Neuseeland stand Kopf, ich wurde für einen Orden vorgeschlagen. Das Halbfinale: Neuseeland – Schweden Überraschend hatten es die Schweden bis ins Halbfinale dieser WM geschafft und waren damit neben uns die zweite absolute Überraschungsmannschaft dieses Turniers. Das zweite Halbfinale bestritten Italien und Brasilien. Egal, welches Team in unserem Spiel als Sieger vom Platz gehen würde, es würde im Finale krasser Außenseiter sein. Das Spiel gegen die Schweden entwickelte sich zu einem offenen Schlagabtausch, bei dem vor allem die Zuschauer voll auf ihre Kosten kamen. Unserem 1:0 durch einen Eckball folgten zwei Tore der Schweden, die unsere Abwehr immer wieder mit angedrehten Schüssen überraschten. Zum Glück konnte ich mich auf unsere Stärke bei Eckbällen verlassen, und so kamen wir letztendlich noch zu einem glücklichen, aber nicht völlig unverdienten 3:2-Sieg. Die Schweden waren sichtlich enttäuscht, konnten aber trotzdem erhobenen Hauptes nach Hause zurückkehren. Im zweiten Halbfinale war Italien mit 3:1 gegen Brasilien erfolgreich und war damit unsere Gegner im WM-Finale. Das WM-Finale: Italien – Neuseeland Da wir, wie gesagt, krasser Außenseiter waren, hatten wir im Finale nichts zu verlieren. Dies bläute ich meinen Spielern immer wieder vor dem Spiel ein, da ich befürchtete, dass sie möglicherweise ihre unbekümmerte Spielweise, die immer eine unserer größten Stärken gewesen war, verlieren könnten. Die Italiener setzten uns von Beginn an mächtig unter Druck, aber unsere Spieler konnten ihnen dank ihrer Zweikampfstärke Paroli bieten. Besonders wenn es ihnen gelang, mit direkten Pässen im Mittelfeld das Spielfeld schnell zu überbrücken, erwiesen sich die Italiener als anfällig. Leider konnten meine Spieler daraus kein Kapital schlagen. Gegen Ende der ersten Halbzeit kamen wir zu einem Einwurf an der gegnerischen Strafraumgrenze. Da der italienische Torwart sicherlich herausstürmen würde, führten meine Spieler den Einwurf gerade, und nicht nach vorne gerichtet, aus. Tatsächlich war der italienische Torwart sofort zur Stelle, konnte aber nicht aus dem 16-Meter-Raum heraus. Also schnappte sich unser Stürmer den Ball, nahm Maß und zirkelte den Ball um den Torwart herum zwischen die Pfosten. Das 1:0 war auch gleichzeitig der Pausenstand. Der Außenseiter führte, die Fußballwelt stand Kopf! Gleich zu Beginn der zweiten Hälfte kamen die Italiener gefährlich vor unser Tor. Den Schuss von der Strafraumecke konnte unsere Torhüter parieren, der Abpraller landete vor den Füßen eines italienischen Stürmers. Dieser schoss. Pfosten! Wieder kam ein italienischer Stürmer vor unserem Verteidiger an den Ball, und gegen diesen Schuss war auch unser Torhüter machtlos. 1:1! Mitte der zweiten Halbzeit kamen die Italiener noch einmal gefährlich vor unseren Kasten, aber der Schuss strich knapp am Tor vorbei. Der darauf folgende Abschlag landete vor den Füßen unseres linken Mittelfeldspielers. Dieser passte nach rechts außen. Unser Kapitän dribbelte an der Außenlinie entlang und wurde jäh gestoppt: Einwurf für uns. Der Einwurf wurde nach vorne ausgeführt, der italienische Verteidiger verschätzte sich und unser Stürmer war im Ballbesitz. Er lief Richtung Torauslinie, wo er mit einer Grätsche von hinten in die Beine gestoppt wurde. Grobes Foul! Aber diese Pfeife von einem Schiedsrichter gab keinen Freistoß, sondern Eckball. Eckball! Wenn nur meine Spieler keine Nerven zeigen! Unser Kapitän trat den Eckball. Unser Mittelstürmer wartete einschussbereit am Strafraumeck und … Toooor! Tooor! Tooooor! Wir lagen 2:1 in Führung und es waren nur noch wenige Sekunden zu spielen.
Die Italiener warfen nun alles nach vorne, aber mit Glück und Geschick gelang es uns, alle gegnerischen Angriffe zu stoppen, bevor die Italiener richtig gefährlich zum Schuss kamen. Der Schiedsrichter pfiff ab. Meine Jungs aus dem Land der Kiwis hatten es also tatsächlich geschafft. Wir waren Weltmeister!
Epilog Meine Truppe und ich kehrten nach Neuseeland zurück, wo wir von einer riesigen Menschenmenge gefeiert wurden. Wir wurden mit allen Ehren empfangen und durften viele Hände schütteln. Meine Spieler wurden zu Talkshows eingeladen und extra für uns wurden Empfänge, Feste und Bälle veranstaltet. Wir waren Helden! Und ich? Ich bekam sehr viele Angebote von Verbänden und Vereinen aus aller Welt, unter anderem bot mir der neuseeländische Verband einen Vertrag auf Lebenszeit an. Aber irgendwie zog es mich wieder nach Deutschland zurück, wo die Wut auf mich zum Glück verflogen war. Heute bin ich wieder Jugendtrainer beim HSV, wo ich mich trotz allem am wohlsten fühle. Aber mindestens einmal pro Jahr fliege ich nach Neuseeland, um mich mit meinem Team, bestehend aus Farmern, Schreinern, Metzgern und Versicherungsvertretern, zu treffen. Wir lassen die Ereignisse der gemeinsamen WM Revue passieren. Es war eine gute Zeit. Wir waren Helden. Anmerkung des Autors Dieses Longplay ist reine Fiktion. Ich wollte damit in keinster Weise irgend jemandem zu nahe treten, insbesondere nicht Manfred Kaltz. Da im Computerspiel „Microprose Soccer“ die Möglichkeit besteht, die Stärke der „Banana Power“ einzustellen, fiel mir spontan Herr Kaltz ein, der ja in der Tat für seine Bananenflanken berühmt war. Dies war der Grund, warum ich ihn zur Hauptperson dieses Longplays machte. Ich hoffe, dass sich niemand durch dieses Longplay in seine Allgemeinen Persönlichkeitsrechten (APRs) verletzt sieht. Es handelt sich um das Werk eines Fans für andere Fans, mehr nicht. Mein Dank gilt der Power Play. Ich fand in einer alten Ausgabe in den „Power Tips“ ein paar Hinweise zum Spiel „Microprose Soccer“. Insbesondere die Darstellung einiger Varianten für die verschiedenen Torschüsse ist stark an die Sammelkarten von damals angelehnt.
(Longplay aus der GO64! 6/2004; Autor: Markus Lippoth) |